Perspektiven
Wohin geht der Faire Handel?
Die Prinzipien bleiben, es sind Grundprinzipien der Menschlichkeit, aber auch der Faire Handel muss professioneller werden. Handel ist Wandel, das gilt auch hier. Das bedeutet z.B., dass neben den klassischen
Produkten – Kaffee, Tee, Kakao -, neue Erzeugnisse wie Gebrauchsgegenstände für den Alltag, die Küche, Einrichtung usw. angeboten werden. Verarbeitung und Verpackung müssen auch den sich ändernden Verbraucherwünschen angepasst werden.

Die Sehnsucht nach einer gerechteren Welt, in der niemand mehr hungern muss, kein Kind ohne Ausbildung, kein Mensch ohne Hoffnung bleibt, diese Sehnsucht treibt den fairen Handel voran. Diese Sehnsucht darf nicht vertrocknen, sie sollte noch wachsen wie die Lotusblüte, die im Schlamm wurzelt, sich im Wasser nährt und zum Himmel hin blüht.
Fairer Handel – ein Tropfen auf dem heißen Stein? Eine Marktnische? Eine Utopie?
Wenn man sich den immer noch verschwindend geringen Anteil des Fairen Handels am gesamten Welthandel ansieht, könnte man versucht sein, diese Frage resigniert zu bejahen. Der Faire Handel wird in wirtschafts- und entwicklungspolitischen Diskussionen oft als Utopie, als realitätsfremd, als nicht auf breiter „weltweiter“ Ebene verwirklichbar abqualifiziert. Trotzdem sollte die Signalwirkung des Fairen Handels nicht unterschätzt werden, welcher die entwicklungsfeindlichen Rahmenbedingungen der neoliberalen Marktwirtschaft thematisiert und die politischen Akteure auf den unterschiedlichsten Ebenen (vom EU-Parlament bis zur Gemeindestube) dafür sensibilisiert.
In einem Bericht zu „fairem Handel und Entwicklung“ machen die Abgeordneten des EU-Parlaments im Jahr 2006 deutlich, dass sich „fairer Handel als wirksames Mittel zur Förderung der nachhaltigen Entwicklung, zur Erreichung der Millenniumsziele und zur Ausrottung der Armut erwiesen habe“.
http://www.europarl.europa.eu/news/expert/background_page/ Nur schade, dass das EU-Parlament so gut wie keine Entscheidungsmacht in Bezug auf eine lebensdienlichere Umgestaltung des gegenwärtigen Wirtschaftssystem und seiner Rahmenbedingungen hat ...
Volkswirtschaftlich gesehen ist es unbestreitbar, dass der Faire Handel einigen strukturellen Formen von Markt- und Staatsversagen wirksam entgegentreten kann: dem nicht vorhandenen Angebot von Kreditmöglichkeiten setzt der Faire Handel die Möglichkeit der Vorfinanzierungen entgegen, dem ungenügenden Wettbewerb durch Monopolstellung von Zwischenhändlern den fairen Preis, der „Abwesenheit“ des Staates die Bereitstellung von Gemeingütern z.B. durch soziale und sanitäre Projekte im Bildungs- und Gesundheitsbereich.
Gleichzeitig bietet der Faire Handel dem Konsumenten die Möglichkeit im konkreten Alltag aktiv zu werden und Verantwortung zu übernehmen. Der niedrigste Preis ist nicht die einzige charakteristische Variable der Kaufentscheidungen der Konsumenten; auch andere materielle und nicht-materielle Aspekte spielen eine immer größere Rolle, angefangen von Qualitäts- und äußeren Merkmalen (Trends) bis hin zu fairen Produktionsbedingungen. Letzteres Bedürfnis, das einem steigenden Ethikbewusstsein der Konsumenten entspringt, kann besonders glaubwürdig vom Fairen Handel befriedigt werden.

Im Gegensatz zu früher gibt es in den Weltläden nicht mehr nur Kaffee, Tee und Körbe: das Warensortiment ist breit gefächert (
siehe Produkte) und qualitätsmäßig ständig besser geworden, auch Dank Beratung in Marketing und Design durch die Importorganisationen. Der Faire Handel achtet darauf, so viel wie möglich Wertschöpfung im Ursprungsland zu lassen, indem möglichst viele Produktionsschritte im Süden durchgeführt werden. Ein konkretes Beispiel hierfür ist die Kampagne „Tessere il futuro – die Zukunft weben“, deren Vorzeigeprodukte in Argentinien hergestellte und fair gehandelte T-Shirts sind. Leider sind die EU-weit (immer noch) bestehenden Zollabgaben (z.B. auf geröstetem Kaffee) und Einfuhrbeschränkungen ein großes Hindernis auf diesem Weg.
Es stellt sich die Frage, ob die privilegierte Fair-Handelsbeziehung wirklich dazu geeignet ist, die benachteiligten Produzenten im Süden in ihrem Prozess des Selbständigwerdens zu unterstützen oder ob sie nicht gerade dadurch in eine Form der Abhängigkeit gedrängt werden, weil sie nicht auf dem „freien Markt“ wettbewerbsfähig sein müssen.
Nichts desto trotz kann niemand abstreiten, dass zigtausende Personen und Familien durch den Fairen Handel ihre Lebensbedingungen bedeutend verbessert haben und dass direkt (z.B. durch soziale und sanitäre Projekte) oder indirekt (durch eine Erhöhung des allgemeinen Lebensstandards), durch den sogenannten trickle-down-Effekt, auch positive Auswirkungen auf die Gemeinschaft, in der sie leben, zu verzeichnen sind.
Wenn viele kleine Leute
in vielen kleinen Orten
viele kleine Schritte tun,
dann, ja dann wird die Welt verändert.
Eine andere Welt ist möglich!